Das alltägliche Leben des Franz Olschowka
von E. W.

Der Held unserer Geschichte, einer ganz alltäglichen Geschichte ohne jegliche außergewöhnliche aufregende Umstände, dieser Held also wurde im Jahre 1800 irgendwo in Oberschlesien geboren. Seine Heimat war vielleicht das Dorf Raschütz im Kreise Ratibor, denn im Nikolaier Traubuch von 1823 wird er als Franz Olschowka "aus Raschütz" bezeichnet. Doch braucht das nicht unbedingt der Geburtsort gewesen zu sein. Nach damaligem Sprachgebrauch kann es auch einfach bedeuten, dass Franz lediglich von Raschütz nach Nikolai zugezogen ist.

Über seine Eltern, seine Kindheit und seine Jugend sind wir nicht unterrichtet. Die erste Nachricht über ihn stammt aus dem Jahre 1821 (Weltzel, Archipresbyterat Ratibor, S. 190). Am 17. November dieses Jahres wird er als Adjuvant (als zweiter Lehrer) in Benkowitz (Krs. Ratibor) angestellt. Als sein Geburtsjahr gibt die gleiche Quelle 1800 an. Franz Olschowka gehörte zu jener Generation von Lehrern, die ihre Ausbildung zwar noch ausschließlich bei Schulmeistern der alten Art erhalten hatten, die dann aber im Breslauer Lehrerseminar eine Prüfung ablegen mussten, bevor sie zum Schulamt zugelassen wurden.

Während der Zeit in Benkowitz muss Olschowka unter recht ärmlichen Umständen gelebt haben. Das Schulhaus, übrigens schon ein massives (wenn auch leicht baufälliges) Gebäude, hatte eine Lehrstube von etwa 50 Quadratmetern, in der auch der Backofen stand. Unser Adjuvant bewohnte im gleichen Hause eine Kammer von gerade 3x2½ Metern Größe. Unterhalten wurde er vom ersten Lehrer, und zwar bezog er neben freier Kost und Unterkunft jährlich 13 Gulden. Dabei musste er in zwei Schichten vormittags 60 und nachmittags 70 Kinder unterrichten, und zwar ohne Unterstützung durch den ersten Lehrer, denn dieser versah gleichzeitig an drei Orten das Amt des Gemeindeschreibers, und durch diese Tätigkeit war er derart ausgelastet, dass ihm für die Schule einfach keine Zeit blieb.

In Benkowitz blieb unser Adjuvant nur knapp ein Jahr, bereits am 1. Oktober 1822 wird als sein Nachfolger Anton Brzezina genannt. Von Franz Olschowka hören wir erst ein Jahr später wieder. Das Traubuch der Pfarrkirche Nikolai berichtet unter dem 15. September 1823, dass der Junggeselle Schullehrer Franz Olschowka aus Raschütz, 28 Jahre alt, röm.-kath., und die Witwe Josepha des verstorbenen Johann Tillauer aus Nikolai, ebenfalls 28 Jahre alt und röm.-kath., die Ehe geschlossen haben, wobei als Trauzeugen Wilhelm Adami und Joseph Bartke fungierten.

Olschowkas Ehefrau entstammte, wie wir später sehen werden, dem alten oberschlesischen Adelsgeschlecht der Holly von Ponientzitz, das seit 1439 nachweisbar ist. Die Familie war zu jener Zeit weit verzweigt und ohne nennenswerten Grundbesitz. Der Vater der jungen Frau Olschowka hatten, wie eine ganze Reihe anderer Familienangehöriger, als Offizier gedient. Nach der Familienüberlieferung soll er der Tochter etwas Grundbesitz hinterlassen haben, den diese in ihre zweite Ehe einbrachte, doch dürfte es sich wohl nur um ein wenig Ackerland oder allenfalls um einen unbedeutenden Bauernhof gehandelt haben.

Welchen Beruf Josephas erster Ehemann ausgeübt hat und wann er gestorben ist, wissen wir nicht. In den Nikolaier Kirchenbüchern taucht der Name Tillauer überhaupt nicht auf. Der erste Gatte stammte also weder aus dieser Stadt noch ist er hier begraben.

Bei den Altersangaben des Traubuchs scheint ein bisschen Mogelei im Spiel zu sein. Franz Olschowka ist nach den Mitteilungen über die Benkowitzer Schule 1800 geboren, er wäre demnach bei der Heirat 23 Jahre alt gewesen. Das Traubuch gibt sein Alter aber mit 28 Jahren an. Josepha war nach dem Eintrag im Trauregister gleichaltrig mit ihrem zweiten Ehemann, sie müsste demnach ungefähr 1795 geboren sein. Nach den Altersangaben in ihrer Sterbeurkunde scheint sie jedoch um einiges älter als Franz gewesen zu sein, und es hat den Anschein, als ob er sein Alter um einige Jahre zu hoch, Josepha dagegen ihr Alter zu niedrig angegeben hätte, um den tatsächlichen Altersunterschied zu vertuschen.

Über die beiden Trauzeugen sind uns einige Einzelheiten bekannt. Von Joseph Bartke wissen wir, dass er 1824 Aktuarius beim Amtsgericht war, sechs Jahre zuvor treffen wir ihn in gleicher Eigenschaft beim Gleiwitzer Gericht an. Über Wilhelm Adamis Leben sind wir besser unterrichtet, ist er doch niemand anders als der damalige Apotheker und Bürgermeister von Nikolai. Adami wurde 1794 geboren und erlernte den Beruf des Apothekers. Im Jahre 1818 kaufte er die Nikolaier Apotheke von seinem Vorgänger Friedrich August Becker. Von 1821 bis 1827 bekleidete er gleichzeitig das Amt des Bürgermeisters, das ihn so in Anspruch nahm, dass er darüber seine Aufgaben als Apotheker vernachlässigte. Drei aufeinanderfolgende Revisionen stellten in den Jahren 1824 bis 1826 so schwerwiegende Mängel in der Führung der Apotheke fest, dass Adami es im letztgenannte Jahre vorzug, die Apotheke an Karl Breitkopf zu verkaufen. Bis 1827 übte er noch das Amt des Bürgermeisters aus, dann hören wir nur noch, dass er 1845 starb und außer der Witwe eine minderjährige Tochter Maria zurückließ. Soviel also über die beiden Trauzeugen, die immerhin zu den Honoratioren des Ortes gehörten und dafür sprechen, dass Franz Olschowka und seine Ehefrau in Nikolai recht hoch angesehen waren.

Olschowka wird im Traubucheintrag als Schullehrer bezeichnet, seine Adjuvantenzeit hatte er also 1823 bereits hinter sich. An der Nikolaier Volksschule ist er als Lehrer nicht nachweisbar. Als Rektor kommt Olschowka wegen seiner Jugend nicht in Betracht, und als zweiter Lehrer sind um diese Zeit, Krolik, Ferdinand Hoppensack, Josef Szabon (seit Oktober 1823, später Bürgermeister) und Rendschmidt (seit 1832, ab 1835 Rektor) nachgewiesen. Der oben erwähnte Ferdinand Hoppensack arbeitete seit 1814 als Privatlehrer an diesem Ort, später wurde er zweiter Lehrer und starb als solcher im Oktober 1823.

Die Familie Olschowka zog zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt von Nikolai nach Paprotzan. Im Taufbuch der Pfarrkirche Tichau ist vermerkt, dass den Eheleuten Franz Olschowka und seiner Ehefrau Josephine von Holly am 27. November 1837 in Paprotzan eine Tochter Amalie Maria geboren wurde. Das Kind wurde am 4. Dezember in Tichau getauft, wobei Friedrich Kiß und Franziska von Thun Pate standen.

Auch die beiden Taufpaten sprechen für das Ansehen, das die Familie Olschowka trotz der sicherlich recht bescheidenen Verhältnisse, unter denen sie lebte, bei ihrer Umgebung genoss, war doch die Patin der Tochter eines begüterten preußischen Offiziers. Der Pate gehörte einer einst bedeutenden Familie unseres Raumes an. Sein Vater August Kiß kam 1771 aus Wernigerrode im Harz nach Paprotzan, wo er zunächst als Hüttenschreiber und Grubenaufseher arbeitete. Aus seiner Ehe mit Dorothea Friederike Susanna aus dem Adelsgeschlecht der Rudzki von Rudz gingen zehn Kinder hervor, zu denen neben unserem Taufpaten Friedrich Ferdinand der bekannte Bildhauer August Kiß und der Schichtmeister Friedrich Ernst Kiß gehörten.

Die Olschowkas waren mit der Familie Kiß ohne Zweifel schon von Nikolai her bekannt, und vielleicht ist ihr Umzug nach Paprotzan überhaupt auf diese Bekanntschaft zurückzuführen. August Kiß der Ältere war Berg- und Hütteninspektor, seit 1817 lebte er als Pensionär in Nikolai, er begründete die dortige evangelische Gemeinde und starb 1836 in dieser Stadt. Der Sohn Friedrich Ernst wirkte als Schichtmeister in Nikolai, wo er auch am 15. September 1829 starb. Friedrich Ferdinand, der Taufpate, wurde 1802 in Paprotzan geboren. Wie sein sieben Jahre jüngerer Bruder August Kiß der Jüngere verlebte er einen Teil seiner Jugend in Nikolai. Friedrich Ferdinand wurde Offizier und nahm 1853 als Hauptmann den Abschied. Von 1852 bis 1857 bekleidete er das Amt des Bürgermeisters in Nikolai. August Kiß der Jüngere übrigens, der Bildhauer, lernte nach seinem eigenhändig geschriebenen Lebenslauf das ABC zusammen mit seinen Geschwistern bei einem Hauslehrer, der die fehlende protestantische Schule ersetzen musste. Auch als er schon als berühmter Künstler in Berlin lebte, vergaß er seine Heimat nicht. So besuchte er in Nikolai wiederholt die dort lebende Witwe seines verstorbenen Bruders Friedrich Ernst, und 1839 stiftete er für die armen Schulkinder von Paprotzan, die damals vermutlich Franz Olschowka unterrichtete, einen beachtlichen Geldbetrag, dessen Zinsen jährlich an diese Kinder auszuteilen waren.

Franz Olschowka erkrankte Anfang der vierziger Jahre schwer und musste deshalb vorzeitig in Pension gehen. Er zog mit seiner Familie wieder nach Nikolai und starb dort am 31. Oktober 1844, erst 44jährig. Die Witwe hatte mit ihren Kindern (außer Amalie Maria sind ohne Zweifel weitere Kinder aus der Ehe hervorgegangen) sicherlich kein leichtes Leben. Dafür spricht auch der Umstand, dass die Tochter Amalie Maria Olschowka sich 1865 in Nikolai mit einem einfachen Eisenbahner vermählte, dem 1841 in Schiedlow (Krs. Falkenberg) geborenen Weichensteller Johann Mikliss.

Die Witwe Josepha Olschowka verbrachte ihren Lebensabend offensichtlich unter ärmlichen Bedingungen. Sie erreichte ein hohes Alter und starb 1878 in Bogutschütz. Der Eintrag im Standesamtsregister von Zawodzie lautet: Vor dem Unterzeichneten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der Häusler und Böttcher Paul Kotzurek der Jüngere, wohnhaft zu Bogutschütz, und zeigte an, dass die Witwe Josepha Olschowka geborene von Holly aus Nikolai, nach Angabe des Anzeigenden 97 Jahre alt, katholischer Religion, Tochter des verstorbenen Offiziers von Holly und seiner Ehefrau (Namen unbekannt) zu Bogutschütz Kreis Kattowitz am Zwanzigsten Dezember des Jahres Tausendachthundertsiebenzig und sechs vormittags um Ein Uhr verstorben sei. Bei dem anzeigenden Paul Kotzurek dem Jüngeren handelt es sich sicherlich um einen Verwandten der Verstorbenen, vermutlich um einen Enkel. Für eine Verwandtschaft spricht die Tatsache, dass ihm die Herkunft der alten Dame bekannt war. Überdies wäre es für die damalige Zeit ungewöhnlich, wenn Josepha Olschowka ihre letzten Lebensjahre bei Fremden verbracht hätte, wo doch im nahen Nikolai die Familie ihrer Tochter Amalie Maria lebte.

Ein weiterer Enkel der Olschowkas war möglicherweise Alois Koczurek, der 1858 in Bogutschütz geboren wurde. Er studierte Theologie, wurde 1884 zum Priester geweiht und wirkte 1887 als Kaplan in Nikolai. Dann wurde er Pfarrer in Boronow (Krs. Lublinitz) und später (1891) in Gorzow.

Damit enden unsere Aufzeichnungen über das alltägliche Leben des Franz Olschowka, die das Ergebnis jahrelanger Nachforschungen sind. Franz Olschowka und seine Ehefrau Josepha geb. von Holly sind Vorfahren der Ehefrau des Verfassers. Alle Bemühungen, weitere Einzelheiten über die genannten Personen in Erfahrung zu bringen, waren bisher fruchtlos. Der Verfasser, der selbst aus Niederschlesien stammt, wäre für jeden Hinweis aus dem Leserkreis dankbar, der ihm bei den weiteren Forschungen helfen könnte.

Literatur: